Harztor/Niedersachswerfen. Wer wissen will, woran es einer Freiwilligen Feuerwehr wirklich fehlt, muss sich eine Stunde an ihren Tisch setzen. Genau das hat Andreas Bausewein am Dienstag, 11. August, getan. Der Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Inneres, Kommunales und Landesentwicklung war zu Gast bei der Freiwilligen Feuerwehr Niedersachswerfen, Bürgermeister Stephan Klante war dabei. Seit der Neuordnung des Ministeriums im März 2026 gehören Brand- und Katastrophenschutz, Bevölkerungsschutz und Rettungswesen zu Bauseweins Zuständigkeit. Für die Wehr saßen neben weiteren Kameraden Gemeindebrandmeister Patrick Richter, Wehrführer Lars Wilke und die Kameraden Michael Wenzel und Matthias Lamm am Tisch.

Das erste Thema war die Ausbildung. Die Landesfeuerwehr- und Katastrophenschutzschule steht in Bad Köstritz, am anderen Ende Thüringens. Wer dort am Brandcontainer üben will, fährt mit Mannschaft und Ausrüstung quer durchs Land. Anfahrt und Vorbereitung kosten nach Angaben der Wehr zweieinhalb Stunden – für rund eine Stunde echtes Training. Unterm Strich geht dafür ein ganzer Tag Freizeit drauf. Der Vorschlag aus Niedersachswerfen: einzelne Ausbildungsmodule nach Nordthüringen holen und gemeinsam mit den Nachbarkreisen Eichsfeld, Kyffhäuser und Nordhausen betreiben. Bausewein erklärte, warum der Standort Bad Köstritz bleibt. Vor rund zehn Jahren fiel dort die Entscheidung für Sanierung statt Neubau, weil das deutlich günstiger war. Die Idee dezentraler Module nahm er mit.
Ähnlich der zweite Punkt. Der Grundlehrgang umfasst 70 Stunden und läuft bisher an Wochenenden, freitags und samstags. Wer Schicht arbeitet oder Familie hat, schafft das häufig nicht. Andere Bundesländer bieten den Lehrgang am Stück unter der Woche an, mit Freistellung und Lohnausgleich. Bausewein verwies darauf, dass das über das Bildungsfreistellungsgesetz auch in Thüringen möglich sei. Ungeklärt bleibt, wer den Verdienstausfall trägt – Arbeitgeber oder Gemeinde. Er sagte zu, das im Ministerium prüfen zu lassen.

Dahinter steht ein Problem, das keine Verordnung löst: Die Kameraden arbeiten längst nicht mehr im Ort. Mittags zum Schichtwechsel oder in der Urlaubszeit sind manchmal nur eine Handvoll Leute greifbar. Dazu kommt die Lage im Dreiländereck. Im Einsatz klappt die Zusammenarbeit mit den Wehren aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen reibungslos, zuletzt bei einem Waldbrand bei Rothesütte. Geübt und geplant wird aber jeder für sich. Wie sehr das im Ernstfall stört, zeigte ein Einsatz bei Sophienhof: Ein Wanderer brauchte dringend Hilfe, der Notruf landete in einer Leitstelle jenseits der Landesgrenze, seine Koordinaten ließen sich nicht übergeben. Die Wehr musste das Gebiet großräumig absuchen, auch aus der Luft. Bauseweins Haltung dazu war deutlich: Wo es um Leib und Leben geht, darf Föderalismus keine Rolle spielen.
Der längste Teil des Gesprächs drehte sich um Papier. Beispiel Wasserwehr: 2021 fing die Gemeinde an, in diesem Jahr stand die Ausrüstung da – zwei Rollcontainer für 25.000 Euro Fördermittel. Dazwischen lagen Satzung, Organisationsplan, Förderantrag und Ausschreibung. Aus der Wehr kam dazu der trockene Hinweis, man habe Schlosser gelernt und nicht Verwaltung. Besser läuft es mit der neuen Feuerwehrpauschale. Harztor gehörte zu den ersten Kommunen, die das Geld abgerufen haben, der Antrag passte auf ein Blatt. Nebenbei fiel eine Zahl, die selten jemand hört: Allein der Unterhalt der 16 Fahrzeuge kostet 20.000 bis 30.000 Euro im Jahr, für Reifen, TÜV, Batterien und kleine Reparaturen.
Zum Schluss ging es in die Fahrzeughalle. Das Gerätehaus ist Baujahr 2002 und für heutige Technik zu knapp geschnitten. Beim neuen 18-Tonner bleiben im Tor rund zehn Zentimeter Luft, das Bundesfahrzeug von 1999 kommt kaum noch in seinen Stellplatz. Eine Brandmeldeanlage hat die Wehr nicht, die wäre zu teuer. Also haben die Kameraden selbst Rauchmelder in die Fahrzeuge und an jeden Stellplatz gebaut und an die Alarmierung gekoppelt. Brennt es im eigenen Haus, klingeln die Telefone der Kameraden. Für künftige Neu- und Umbauten regte die Wehr an, feste Brandmeldeanlagen gleich mit einzuplanen.

Bausewein nahm mehrere Anregungen mit nach Erfurt und sagte Antworten zu: zur Ausbildung in Nordthüringen, zum Grundlehrgang unter der Woche und zu den Verordnungen, die zum neuen Brand- und Katastrophenschutzgesetz noch fehlen.
