Eine vergessene Gräfin: Lutrudis von Hohnstein

Steinrelief: Gräfin Lutrudis und Graf Elger halten gemeinsam ein kleines Kirchenmodell. Gotische Figuren mit beschädigten Nasen, darüber Reste von Maßwerk. Gedenkstein im Museum Krypta Ilfeld.

Harztor/Ilfeld. Wenn über die Gründung des Prämonstratenserklosters Ilfeld gesprochen wird, fällt fast immer der Name des Grafen Elger von Hohnstein. Weitaus seltener steht seine Gemahlin im Mittelpunkt: die Gräfin Lutrudis. Dabei könnte ihre Bedeutung für die Geschichte Ilfelds größer gewesen sein, als bislang angenommen.

Einige Quellen nennen Lutrudis als Angehörige des Hauses Orlamünde. Das gehörte im 12. Jahrhundert zu den bedeutenden Dynastien Mitteldeutschlands, den Askaniern. Nach dem Aussterben der älteren Grafenlinie gelangte die Grafschaft Orlamünde durch Kaiser Lothar III. an Albrecht den Bären – einen der mächtigsten Reichsfürsten seiner Zeit und Begründer der askanischen Mark Brandenburg.

Steinrelief: Gräfin Lutrudis und Graf Elger halten gemeinsam ein kleines Kirchenmodell. Gotische Figuren mit beschädigten Nasen, darüber Reste von Maßwerk. Gedenkstein im Museum Krypta Ilfeld.
Gräfin Lutrudis mit Graf Elger auf dem Gedenkstein im Museum Krypta der Neanderklinik Ilfeld.
Foto: Tim Schäfer

In genealogischen Überlieferungen erscheint als Nachfahre Albrechts ein Graf Hesiko oder Heinrich von Hohnstein, vermählt mit Reinwig, einer Tochter Conrads. Aus dieser Verbindung ging die Tochter Lutrudis hervor, die später den Grafen Elger von Ilfeld heiratete. Gemeinsam wurden beide mit Zustimmung Heinrichs des Löwen als Dynasten von Hohnstein bestätigt. Die politische Landschaft des 12. Jahrhunderts war von Welfen, Askaniern und Staufern geprägt. Die Hohnsteiner standen an einer Schnittstelle verschiedener Herrschaftsinteressen. War die Ehe zwischen Elger und Lutrudis mehr als eine familiäre Verbindung? In einer Epoche, in der Heiraten oft politische Brücken bauten, könnte auch diese Ehe Teil größerer Ausgleichsprozesse gewesen sein. Sicher belegen lässt sich das bislang nicht.

Ebenso bemerkenswert: Lutrudis war vermutlich Enkelin oder nahe Verwandte jener askanischen Familie, aus der Albrecht der Bär hervorging. Dieser hatte bereits um 1138 in Leitzkau ein bedeutendes Prämonstratenserkloster gegründet. Die Förderung des Ordens gehörte damit zur religiösen Tradition der Familie. Soll Lutrudis die treibende Kraft gewesen sein, die die Errichtung eines weiteren Prämonstratenserstifts in Ilfeld unterstützte oder sogar anregte?

Dazu kommt eine der schönsten Überlieferungen des Südharzes. Der Sage nach soll die Gräfin in dunkler Nacht ein geheimnisvolles Licht gesehen haben. An jener Stelle sei schließlich das Kloster Ilfeld entstanden. Historisch ist diese Geschichte kaum zu greifen. Doch wie so oft enthalten Legenden einen symbolischen Kern: das Licht als Sinnbild für den geistigen Aufbruch, den die Klostergründung für die Region bedeutete.

Bereits im 13. Jahrhundert kümmerten sich die Chorherren um Arme und Kranke. Die klösterliche Gemeinschaft übernahm soziale Aufgaben weit über die Grafschaft hinaus. Selbst Angehörige des Adels fanden im Umfeld des Klosters Versorgung und Betreuung. So entstand in Ilfeld ein Traditionskontinuum christlicher Fürsorge über viele Jahrhunderte. Mit der Neanderklinik Harzwald steht heute erneut eine Einrichtung am Ort, deren Arbeit von Pflege und Heilung geprägt ist. Im Museum Krypta der Neanderklinik Ilfeld ist der Gedenkstein der Gräfin Lutrudis zu sehen.

Ob Lutrudis tatsächlich die entscheidende Impulsgeberin für das Kloster war, wird die Forschung möglicherweise nie abschließend beantworten können. Doch eines scheint klar: Die Geschichte Ilfelds wurde nicht allein von Graf Elger geschrieben. Manchmal geraten bedeutende Gestalten in den Schatten berühmterer Zeitgenossen. Die Gräfin Lutrudis könnte zu ihnen gehören.

Quelle: Tim Schäfer, Heimatforscher